Rede von Verena Anlauf in der Gemeinderatssitzung 23.06.2026 zu TOP 18
Sehr geehrter Oberbürgermeister, liebe Kolleg*innen und Kollegen,
seit 10 Jahren ca. halte ich hier Reden zum Thema Kinderarmut. Das wäre ja sehr ok, wenn sich mal was ändern würde, aber das tut es kaum. Die Kinderarmut in Deutschland hat sich verfestigt. Das Problem ist, dass wir uns daran gewöhnen. Ist Kinderarmut normal? War das schon immer so?
Ich kann mich für meine Kindheit und an die Zeit, als meine Töchter klein waren, daran nicht erinnern. 1960 war die relative Kinderarmut ein Randphänomen. 1980 wuchs sie auf 7 % und dann teilweise in Sprüngen auf verfestigte 20 – 22 % heutzutage.
Kinderarmut ist also nicht normal, nicht ein ehernes Gesetz, sondern menschengemacht.
Aber nicht in Karlsruhe gemacht! Karlsruhe, die Sozial- und Jungendbehörde (SJB), das Kinderbüro, der GR handeln entschieden nach dem Motto „IN KARLSRUHE WIRD KEIN KIND ZURÜCKGELASSEN“. Das ist das Ziel, aber es stimmt natürlich in der Realität nicht. In Karlsruhe werden Kinder zurückgelassen, denn die Defizite, die von verschiedenen Bundesregierungen aller Parteien – auch meiner eigenen – herrühren, können durch Kommunalpolitik nicht ausgeglichen werden. Bürgergeld richtet sich nicht nach dem Bedarf, sondern ist ein Politikum im Bund, um sich als Scharfmacher*in für eine Scheingerechtigkeit darzustellen.
Es ist für eine alleinerziehende Familie im Bürgergeldbezug kaum mehr als einmal im Monat ein Freibadbesuch mit einem kleinen Eis und dem Fahrgeld möglich. Ein Grund ist, dass viele Familien über mehrere Jahre Darlehen vom Jobcenter abbezahlen müssen, für Kautionen, Elektrogeräte oder Reparaturen. Da bleibt nichts übrig für Freizeit oder eine Radreparatur. Dann werden eben Kinder zurückgelassen. In Karlsruhe leben rund 4.500 Kinder in relativer Armut.
Der Armutsbericht stemmt sich dem aber entgegen: wir geben dennoch nicht auf und gewöhnen uns nicht an Kinderarmut. Super ist, dass der Anteil der Kinder, die einen Kinderpass erhalten deutlich gestiegen ist, weil mehr Familien erreicht werden. Das ging nur mit hohem Engagement und viel Kreativität in der Verwaltung.
Neu im Bericht ist die Bearbeitung des Themas Wohnen, verbunden mit der Angabe von Maßnahmen (z.B. Wohnungstausch). Es wirkt so – positiverweise – als wolle die SJB beim Thema “Wohnen” als vermutlich wichtigste soziale Frage – über die Akquise hinaus nicht mehr stillhalten und stärker zu diesem Punkt Stellung nehmen. Das wird Zeit.
Ziel ist und bleibt, kein Kind zurückzulassen. Das ist momentan ein immer schwierigerer Weg!
