- Die Verwaltung überarbeitet den Kita-Zugang und die Sprachförderung an Kitas mit dem Ziel, mehr Bildungsgerechtigkeit in der frühkindlichen Bildung zu erreichen.
- Zur Einschätzung der aktuellen Situation macht die Verwaltung eine statistische Erhebung der Zusammensetzung der Kitas nach der vorherrschenden Familiensprache sowie von Kindern, die kein Deutsch innerhalb der Familie sprechen.
- Als Auftakt zum Prozess initiiert die Verwaltung einen Runden Tisch Chancengleichheit in der frühkindlichen Bildung mit relevanten Akteur*innen.
- Mit den Trägern wird ein neues Aufnahmeverfahren entwickelt, das
• einheitliche und objektive Vergabekriterien für Kita-Plätze und eine zentrale Platzvergabe sicherstellt.
• den Zugang für Kinder mit besonderen Unterstützungsbedarfen (z.B. sozial-emotionaler Mehrbedarf, sozio-ökonomische Benachteiligung) verbessert.
• auf eine ausgewogene Verteilung von Kindern mit Deutsch als Zweitsprache abzielt. Damit ist ein lernförderliches Verhältnis von Kindern mit und ohne Sprachförderbedarf („Lernen im sogenannten Sprachbad“) gegeben und Deutsch kann als Verkehrssprache alltagsintegriert gefördert werden. - Die Verwaltung fragt im Rahmen der zugesagten Optimierung des Kita-Portals zukünftig bei der Anmeldung (über einen entsprechenden diskriminierungssensiblen Fragebogen) die vorherrschende Familiensprache und den Sprachförderbedarf ab.
- Die Verwaltung stellt als nächsten Schritt die Möglichkeit der sozialindexbasierten Ressourcenzuweisung dar. Dabei erhalten Kitas mit einem hohen Anteil an Kindern mit besonderen Förderbedarfen zusätzliche Ressourcen (wie beispielsweise in Stuttgart).
Begründung/Sachverhalt:
Auf den Anfang kommt es an. Im Hinblick auf Bildungsgerechtigkeit müssen alle Kinder, unabhängig vom familiären Hintergrund, die gleichen Chancen haben, vor dem Schuleintritt ausreichende Sprachkompetenz zu erwerben. Studien zeigen, dass Kinder mit Sprachförderbedarf schlechtere Startchancen beim Schuleintritt haben, was sich negativ auf ihren gesamten Bildungsweg auswirken kann. Hierzu ist es dringend notwendig, dass strukturelle Hürden (wie z.B. uneinheitliche Vergabekriterien) für einen frühen Zugang zu Kita-Plätzen abgebaut werden, aber auch die Rahmenbedingungen für einen erfolgreichen Spracherwerbsprozess optimiert werden.
Einschulungsuntersuchungen des Gesundheitsamtes Karlsruhe 2021 – 2022 zeigen, dass 31 Prozent der Karlsruher Kinder im Alter von vier bis fünf Jahren Sprachförderbedarf haben. 91 Prozent dieser Kinder haben Migrationshintergrund bzw. als Familiensprache nicht (nur) Deutsch.
Bis zur Einschulung sollte die wertvolle Zeit der frühkindlichen Bildung umfassend genutzt werden, auch um eine spätere spezialisierte und exklusive Förderung überflüssig zu machen. In der frühkindlichen Bildung wird das Fundament für eine erfolgreiche Bildungskarriere gelegt: Entscheidend für die Bildungsgerechtigkeit sind die ersten sechs Lebensjahre, unzureichende Sprachkompetenzen wirken sich langfristig negativ auf Bildungs- und Teilhabe-chancen aus. Deshalb muss die Vermittlung sicherer deutscher Sprachkenntnisse früh begonnen und abgesichert werden. Regelmäßig belegen Studien, dass Kinder aus sozial benachteiligten Familien und mit einem erhöhten Sprachförderbedarf am meisten von einem frühen Besuch von Kindertageseinrichtungen profitieren und sich dadurch herkunftsbezogene Unterschiede verringern können. Kinder mit einer anderen Familiensprache erhalten in der Kita häufig erstmals Gelegenheit, die deutsche Sprache von Grund auf zu lernen – insbesondere bei einem ausgeglichenen Verhältnis von Kindern mit und ohne Sprachförderbedarf. Gerade Kinder aus armutsgefährdeten Familien und Kinder, bei denen zu Hause überwiegend kein Deutsch gesprochen wird, besuchen aber seltener bzw. zu einem späteren Zeitpunkt eine Kindertagesstätte als andere Kinder.
In Karlsruhe fehlen aktuell 1.136 Kitaplätze (BNN, 09.05.2025). Insbesondere der Anteil von Kindern mit Migrationsgeschichte in U3-Gruppen ist deutlich geringer als der von Kindern ohne Migrationshintergrund. In der Familienumfrage der Stadtverwaltung von 2017 zeigte sich auch bei Ü3-Kindern aus ausländischen Familien eine schlechtere Versorgungslage: 65,7 Prozent gegenüber 80,9 Prozent bei Befragten ohne Migrationshintergrund.
Die Investition in frühkindliche Bildung und Sprachförderung ist nicht nur eine
Frage der Bildungsgerechtigkeit, sondern auch volkswirtschaftlich sinnvoll, da
spätere und exklusivere Förder- und Integrationsmaßnahmen deutlich
kostenintensiver sind.
Unterzeichnet von:
Dr. Iris Sardarabady, Benjamin Bauer, Jorinda Fahringer, Fraktion GRÜNE
Yvette Melchien, Mathias Tröndle, SPD-Fraktion
Der Antrag wurde am 15. Oktober 2025 im Jugendhilfeausschuss beraten. Die Stellungnahme der Stadt zu unserem interfraktionellen Antrag ist für uns enttäuschend. Es scheint ein fehlendes Problembewusstsein für die Ungleichheit beim Kita-Zugang vorzuliegen. Die Forderung, die seit 2022 immer wieder gestellt wurde, das Kita-Portal im Hinblick auf objektive, einheitliche Kriterien und v.a. zentrale Steuerung des Verfahrens anzupassen und zu optimieren, wurde in der Stellungnahme erneut beantwortet mit „derzeit in Bearbeitung“. In der Sitzung des JHA wurde uns nun zugesagt, dass das Thema im Arbeitsausschuss Jugendhilfeausschuss gesondert behandelt wird. Wir hoffen auf einen baldigen Termin und bleiben an diesem wichtigen Thema weiter dran!
