Beitrag für die Stadtzeitung von Ceren Akbaba

Am 16. Oktober 1996 war ich sieben Jahre alt. Es war eine Zeit, in der türkeistämmige und migrantische Familien begannen, ihre Wohnungstüren in Karlsruhe doppelt zu verriegeln ‒ aus Angst und aus Verzweiflung. Heute bin ich 37 Jahre alt. 30 Jahre hat es gedauert, bis eine Gedenkstele am Ort des Geschehens, an der Ecke Markgrafen- und Kreuzstraße, aufgestellt wurde.
Brandstiftung in Karlsruhe 1996
An dieser Stelle werden Passant*innen nun dazu aufgefordert, kurz innezuhalten und die Namen der Opfer zu lesen. Namen, die noch immer schwer über unsere Lippen kommen ‒ obwohl sie schon lange ein Teil unserer Gesellschaft sind. Die Namen derer, an die wir hier gedenken, lauten: Fethiye Yilmaz, Alahittin Yilmaz und Hüseyin Evcim. Als Fraktion GRÜNE haben wir die Verwaltungsvorlage für die Stele gern unterstützt.
Terroranschlag in Hanau 2020
Für ein öffentliches Erinnern kann es nie zu spät sein. Das gilt auch für die Menschen in Hanau. Am 19. Februar jährten sich die rassistischen Morde zum sechsten Mal. Hatte ich als Kind einen Schatten der Angst in den Augen meiner Eltern wahrgenommen, war ich war ich 2020 selbst erfüllt von Angst und Wut. Der rassistische Anschlag auf zehn junge Menschen in Hanau traf diesmal die dritte Generation von Eingewanderten ‒ mit einer Wucht, von der ich mich bis heute nicht erholen kann ‒ und will.
Der Brand in Karlsruhe 1996 und der rechtsterroristische Anschlag in Hanau 2020 stehen in einer Reihe rechtsextremer Gewalttaten in Deutschland. Es ist eine berechtigte Frage, welchen Platz diese Anschläge im kollektiven Gedächtnis einnehmen.
Erinnerungskultur neu denken
Der Ruf nach einer neuen, inklusiven Erinnerungskultur, die auch die postmigrantische Gegenwartsrealität miteinbezieht, ist schon lange da. Denn wer und an was in Deutschland erinnert wird, bestimmt mit, wer in diesem Land dazu zählt und wer nicht. Erinnerungsarbeit kann also beides sein: ausschließend oder stärkend.
Nur durch aktives Erinnern und gemeinsames Trauern kann Erinnerung Veränderung bewirken. Auch der Erinnerungsleitfaden der Stadt Karlsruhe betont, dass Erinnerung stets aus der Gegenwart heraus entsteht – und enthält damit den Auftrag, die Erinnerungskultur stetig weiterzuentwickeln. Diesen Auftrag nehmen wir GRÜNE an.
InternationalerTag gegen Rassismus
Gewalt, Hass und Menschenfeindlichkeit jedweder Couleur sind Teil unserer gesellschaftlichen Realität. Sie kehren immer wieder zurück – in anderer Form, ausgeübt von anderen Tätern. Eine starke Antwort darauf ist, inne- und zusammenzuhalten. Dafür eignet sich vor allem der Internationale Tag gegen Rassismus am 21. März jeden Jahres. Der offizielle Frühlingsanfang kann uns vor Augen führen, wie wir uns an den übrigen 364 Tage begegnen möchten.
Wochen gegen Rassismus
Auch die Wochen gegen Rassismus in Karlsruhe, für deren Fortführung wir uns in den schwierigen Haushaltsberatungen mit einem Antrag erfolgreich eingesetzt haben, bieten eine wichtige Plattform. Sie laden dazu ein, miteinander ins Gespräch zu kommen – damit Türen nie wieder doppelt verschlossen werden müssen. Wir sehen uns dort!
Ceren Akbaba, Stadträtin
