Breaking Barriers – Intersektionale Führung und Chancen für Migrantinnen

Grußwort von Dr. Iris Sardarabady zum „Women of Impact Summit 2025“ von SIMAMA – Steh auf e.V., am 11.10.25

Sehr geehrte Damen, liebe Frauen,


ich freue mich sehr, heute bei Ihnen zu sein. Diese Veranstaltung ist eine wichtige Plattform, um die Erfahrungen und Lebensrealitäten von Frauen mit internationaler Biographie sichtbar zu machen – und um sich auszutauschen, zu vernetzen und gegenseitig zu stärken. Gerade in diesen herausfordernden Zeiten wird das immer wichtiger!
Als Fachsprecherin für Gleichstellungs-, Integrations- und Bildungspolitik der Grünen im Gemeinderat setze ich mich für die gleichberechtigte Teilhabe aller Karlsruher*innen ein – insbesondere in Bildung und Arbeit. Zentral sind für mich der Abbau von Diskriminierung und das Recht auf Selbstbestimmung.


Lassen Sie mich beginnen mit ein paar Worten zur Intersektionalen Gleichstellungspolitik.
Als Frauen verbindet uns alle die Erfahrung struktureller Benachteiligung in einer patriarchalischen Gesellschaft. Die Realität kennen wir: Frauen sind überproportional von sexueller und häuslicher Gewalt betroffen, arbeiten deutlich häufiger in Teilzeit –, sind in Führungspositionen unterrepräsentiert und häufiger von Altersarmut bedroht. Diese geschlechtsspezifische Benachteiligung verstärkt sich zusätzlich durch weitere Diskriminierungsmerkmale: Religion, Behinderung, sexuelle Orientierung und Identität, Hautfarbe sowie Herkunft. Deshalb muss Gleichstellungspolitik intersektional ausgerichtet sein. Sie muss gezielt auf die Lebenslagen mehrfach diskriminierter Personen zugeschnitten sein und diese in politischen Maßnahmen berücksichtigen. Nur so können wir das Potenzial aller Frauen ausschöpfen und echte Chancengleichheit erreichen. Das ist nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit, sondern auch ein Baustein für gesellschaftlichen Zusammenhalt.

An den beiden Themen Arbeitsmarkt und Gesundheitsversorgung möchte ich nun die strukturelle Benachteiligung und mögliche Lösungsansätze skizzieren. Beim Zugang zum Arbeitsmarkt stehen Migrantinnen vor zahlreichen Herausforderungen: Sprachbarrieren, komplizierte Anerkennungsverfahren ausländischer Abschlüsse, fehlende Informationen über Unterstützungsangebote, mangelnde Netzwerke, Diskriminierung bei Bewerbungen und die schwierige Vereinbarkeit von Familie und Beruf durch Geschlechterstereotype. Wichtig ist: Frauen mit internationaler Biographie sind keine homogene Gruppe, sondern heterogen und vielfältig. Bildungs- und Berufsqualifikation, Herkunftsland, Zuwanderungsgrund und Aufenthaltsstatus bestimmen maßgeblich ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Besonders groß sind die Herausforderungen für geflüchtete Frauen. Das zeigt sich in der deutlich niedrigeren Erwerbsbeteiligung: Von den 2015 nach Deutschland gekommenen Geflüchteten waren 2022 nur 35 % der Frauen erwerbstätig – im Vergleich zu 76 % der geflüchteten Männer.

Diese unterschiedlichen Ausgangslagen erfordern unterschiedliche Lösungen. Politik muss vielfältige, passgenaue Angebote bereitstellen: dazu gehören vereinfachte und beschleunigte Anerkennungsverfahren, anonymisierte Bewerbungsverfahren, Diversity-Programme und die Stärkung von Beratungsangeboten mit interkultureller Kompetenz. Zentral ist auch Empowerment durch Mentoring, Coaching und Vernetzung.
Baden-Württemberg ist hier auf einem guten Weg: Die Landesregierung fördert aktuell 20 lokale Empowerment-Projekte und unterstützt ab März 2026 ein neues Mentorinnen-Programm für Migrantinnen.
Eine Teilnehmerin ermutigt auf dem Programmflyer: „Habt Mut, eure Ziele zu verfolgen, und sucht aktiv nach Unterstützung! Vertraut auf eure Fähigkeiten und bleibt offen für neue Erfahrungen.“
Die Integration in den Arbeitsmarkt ist nicht nur für die soziale Integration entscheidend, sondern auch für die persönliche Selbstverwirklichung.

Kurz möchte ich noch das Thema Gesundheitsversorgung ansprechen. Hier möchte ich ein konkretes Beispiel herausgreifen: weibliche Genitalverstümmelung. Sie ist eine schwere Menschenrechtsverletzung, mit lebenslangen physischen und psychischen Folgen. In Baden-Württemberg sind Schätzungen zufolge ca. 11.000 Mädchen und Frauen davon betroffen und mehr als 1500 Mädchen davon bedroht.
Lange wurde diese Zielgruppe in der Gesundheitsversorgung, trotz steigender Zahlen (in D. seit 2017 um 40%!), kaum beachtet. 2023 war dann in Baden-Württemberg die Einrichtung einer zentralen Anlaufstelle in Göppingen ein Meilenstein im Einsatz gegen FGM C. Sie wird von der Landesregierung gefördert und von einem vielfältigen Trägerteam koordiniert.

Auch in Karlsruhe war weibliche Genitalverstümmelung weder bei der Prävention noch bei der Beratung ein Thema. 2021 forderten wir im Gemeinderat mehr Aufklärung sowie präventive und beratende Maßnahmen. Fachkräfte, Beratende und Betroffene sollten sensibilisiert, informiert und in ihrer Handlungskompetenz gestärkt werden. Nach gemeinsamen Kraftanstrengungen, viel Hartnäckigkeit und mit Unterstützung des Gleichstellungsbüros haben wir nun einen ersten Erfolg: Im Herbst wird die lang erhoffte medizinische Sprechstunde am Klinikum eingerichtet!

Echte Gleichstellung bedeutet Selbstbestimmung. Es bedeutet, dass jede Frau – unabhängig von ihrer Herkunft – die Freiheit hat, ihre Lebensentwürfe selbst zu gestalten. Dass sie ihre Optionen kennt und nutzen kann. Politik muss die Voraussetzungen dafür schaffen: Zugang zu Bildung, zu qualifizierter Arbeit und zu umfassender Gesundheitsversorgung.

Liebe Frauen, Ihre Organisation leistet wichtige Arbeit für diese Ziele. Sie schaffen Räume der Selbstorganisation, des Empowerments und der gegenseitigen Unterstützung. Das ist nicht nur für Sie wichtig, sondern für unsere ganze Stadtgesellschaft. Denn eine Gesellschaft, die das Potenzial aller ihrer Mitglieder voll ausschöpft, ist nicht nur gerechter, sondern auch erfolgreicher, vielfältiger und lebenswerter.

Lassen Sie uns gemeinsam daran arbeiten, dass echte Chancengleichheit für alle Frauen in Karlsruhe Realität wird.

Vielen Dank!