Kommunale Aufarbeitung der Kinderverschickung in Karlsruhe

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Antrag zur Vorberatung im Fachausschuss

  1. Die Stadt beauftragt eine Studie zur Aufarbeitung der Kinderverschickung von 1945 bis in die 1980er Jahre in Karlsruhe. Dabei soll sowohl die Verantwortung der Stadtverwaltung als Trägerin des Kindersolbads Donaueschingen, als auch die gemeinsame Verantwortung Karlsruher Institutionen für die Verschickung von Kindern aus Karlsruhe in Erholungsheime freier Träger in den Blick genommen werden.
  2. Bei der Durchführung der Studie werden folgende Aspekte berücksichtigt:
    Die Studie soll
    • auf der Grundlage schon vorliegender wissenschaftlicher Aufarbeitungsstudien erfolgen und gegebenenfalls Vorarbeit leisten für eine umfassende kommunale wissenschaftliche Aufarbeitungsstudie, in der auch Betroffene interviewt werden.
    • einen Überblick geben über
      • Karlsruher Träger von Kindererholungsheimen,
      • relevante institutionelle Akteur*innen (wie Sozialamt, Gesundheitsamt, Jugendamt, freie Träger, Gesundheitswesen, Rentenversicherung) als Verantwortliche für Verordnung, Finanzierung, Transport, Betriebs-/Aufsicht,
      • Praktiken (wie Auswahl der Kinder, Verschickung, Umgang mit Beschwerden) sowie
      • Kommunikations- und Vernetzungsstrukturen (z. B. im Rahmen von kommunalen Ausschüssen und institutionellen Besprechungen). 
    • Hinweise geben auf Macht- und Gewaltverhältnisse bei den beteiligten Akteur*innen sowie für Ansätze zur Stärkung der Prävention von und Intervention bei institutionellem Machtmissbrauch.
    • einen Beitrag leisten zur Würdigung und Anerkennung des geschehenen Unrechts.
    • mit der Veröffentlichung der Ergebnisse eine Empfehlung geben, ob und zu welchen Fragestellungen eine wissenschaftliche Aufarbeitung unter Beteiligung von Betroffenen und mit Hilfe von Betroffenen-Interviews durchgeführt werden sollte.
Begründung/Sachverhalt

Mehrere wissenschaftliche Publikationen und journalistische Berichterstattungen in den Medien weisen nach, dass unzähligen Kindern über Generationen seelische, körperliche und sexualisierte Gewalt in Kindererholungsheimen angetan wurde. Dabei ist deutlich geworden, dass an der Organisation dieser Kinderverschickungen bzw. Kinderkuren zahlreiche gesellschaftliche Akteur*innen beteiligt waren.

Für Bürger*innen, die damals als Karlsruher Kinder in eins der Karlsruher Heime verschickt wurden und die dort leidvolle Erfahrungen machen mussten, soll es eine Möglichkeit der (biographischen) Aufarbeitung geben.

Oft haben die über Jahrzehnte andauernde Sprachlosigkeit und Verdrängung von erlittenen Demütigungen als Kind Auswirkungen auf die seelische und körperliche Gesundheit bis ins Alter. Für viele Betroffene kann es befreiend sein, zu sehen, dass sie sich die Ereignisse nicht eingebildet haben, sie damals nicht die Einzigen waren und zu erleben, dass ihr erlittenes Unrecht nicht weiter verharmlost wird.

Zudem soll ein Gesamtbild der Kinderverschickung aus kommunaler Sicht gewonnen werden. Dabei darf es nicht nur um ein einzelnes Heim gehen. Gleichermaßen müssen die strukturellen Verankerungen und die institutionellen Verantwortlichkeiten der Kinderverschickung aufgezeigt werden.

Zur Erforschung der Praktiken der Kinderverschickung in Baden-Württemberg beauftragte und finanzierte die Landesregierung das Landesarchiv Baden-Württemberg, ein zweijähriges Aufarbeitungsprojekt durchzuführen. Die Ergebnisse wurden im Oktober 2024 auf einer Abschlussveranstaltung und in einem Abschlussbericht veröffentlicht (Keitel, C., Keunecke, C. & Weiler, J. (Hrsg.). (2024). Freude und Erholung? Kinderverschickung in Baden-Württemberg 1949-1980. Landesarchiv Baden-Württemberg). Des Weiteren liefen bzw. laufen in Baden-Württemberg einige Studien von ehemaligen Trägern von Kinderkureinrichtungen. So lässt das Diakonische Werk Württemberg aktuell seine eigenen Einrichtungen wissenschaftlich untersuchen. Eine Studie mit kommunalem Fokus steht noch aus und würde sich sehr gut eignen, um das Beziehungs- und Organisationsgeflecht der verschiedenen gesellschaftlichen Akteur*innen an dem konkreten Beispiel einer Stadt herauszuarbeiten.

Von Betroffenen, die sich auch an die grüne Fraktion wandten, wird eine Aufarbeitung aus kommunaler (Träger-)Verantwortung gefordert. Sie berichten über demütigende Praktiken während ihres Aufenthalts im 1982 geschlossenen Karlsruher Kindersolbad Donaueschingen. Dem Stadtarchiv Karlsruhe liegt ein Beschwerdebrief einer Mutter aus dem Jahr 1977 vor. Karlsruher Kinder, so die Informationen von weiteren Betroffenen, erlitten auch in anderen Kindererholungsheime freier Träger großes Leid. Für die Verordnung, Finanzierung und Transporte waren unterschiedliche Institutionen verantwortlich. Interessant wäre, wie mit Beschwerden oder möglicherweise aktenkundigen Missständen umgegangen wurde.

Mittels einer Studie, die auf der Recherche von Dokumenten, Protokollen sowie auf Gesprächen mit Zeitzeugen und Zeitzeuginnen aus institutionellen Kontexten beruht, können die oben genannten Fragen mit einem überschaubaren Aufwand beantwortet werden. Aus den Ergebnissen kann abgeleitet werden, ob und in welcher Form eine wissenschaftliche Aufarbeitungsstudie mittels Interviews mit Betroffenen sinnvoll ist. So können Belastungen für die Betroffenen vermieden werden.

Unterzeichnet von:

Dr. Susanne Heynen, Verena Anlauf, Benjamin Bauer, Jorinda Fahringer
Ceren Akbaba, Leonie Wolf, Dr. Clemens Cremer, Dr. Iris Sardabady

Wir erhielten auf unseren Antrag eine außerordentlich hohe öffentliche Resonanz: Die BNN veröffentlichte mehrere Beiträge mit Berichten von Betroffenen. Eine grüne Veranstaltung zum Thema wurde von ca. 50 Personen besucht und bis jetzt erreichen uns Nachrichten mit bedrückenden Schilderungen, insbesondere über das erlittene Unrecht im Karlsruher Heim in Donaueschingen.
Beim Kulturausschuss am 25. Juli 2025 wurde uns detailliert dargestellt, dass die von uns beantragte Studie notwendig ist, aktuell dafür jedoch keine städtischen Mittel zur Verfügung stünden. Wir unterstützen die Aktivität des Stadtarchives, in Kooperation mit hiesigen Hochschulen eine wissenschaftliche Aufarbeitung anzugehen.