Anfrage:
- Welches sind aus Sicht der Stadtverwaltung die Vor- und Nachteile des Bielefelder Modells?
- Wie sind die Erfahrungen mit der Anwendung des Bielefelder Modells durch AWO und Volkswohnung in Rintheim?
- In welchen weiteren Stadtteilen oder Quartieren kann das Modell sinnvoll angewendet werden?
- Welche Schritte wären notwendig, um das Bielefelder Modell auch in anderen Stadtteilen/Quartieren einzuführen?
- Welche Ressourcen wären dafür notwendig?
Sachverhalt/Begründung:
Um die ältere Generation gut zu versorgen und möglichst lange selbstbestimmt wohnen zu können, sollten verschiedene Modelle in Karlsruhe angewandt und ausgebaut werden. Das sogenannte Bielefelder Modell gilt als eines der ältesten und bewährten Konzepte der altersgerechten Quartiersentwicklung und wurde mittlerweile bundesweit in vielen Städten übernommen.
Die Besonderheit des Bielefelder Modells ist ein quartiersbezogener Ansatz. Die älteren Menschen, die dort wohnen, können je nach Bedarf Dienstleistungen in Anspruch nehmen, ohne eine Servicepauschale zu bezahlen. Einbezogen in bestehende Wohnquartiere und in guter infrastruktureller Anbindung bietet es älteren Menschen oder Menschen mit Behinderung barrierefreie Wohnungen, kombiniert mit Wohncafés als Begegnungsort, die allen Menschen in der Nachbarschaft offenstehen. Gleichzeitig bietet ein sozialer Dienstleister ein umfassendes Leistungsangebot und Versorgungssicherheit im Quartier. Auf die Hilfs- und Betreuungsangebote können alle Mieter*innen zurückgreifen, müssen diese aber nur im tatsächlichen Bedarfsfall bezahlen.
Mit dem Konzept des Bielefelder Modells sind viele Vorteile für Ältere und allgemein Pflegebedürftige, wie auch für die Quartiersarbeit insgesamt, verbunden – wie in dem preisgekrönten Ansatz in Rintheim zu beobachten ist.
Seit 2012 betreibt die AWO Karlsruhe in Kooperation mit der Volkswohnung das Quartiersprojekt “Gut versorgt daheim – selbstbestimmt wohnen ohne Betreuungspauschale” im Rintheimer Feld. Die AWO koordiniert vor Ort Hilfe und Betreuungsangebote und pflegt die Menschen im Quartier rund um die Uhr – zuhause oder in den fünf dafür von der Volkswohnung umgebauten Wohnungen im Hochhaus an der Heilbronner Straße 22.
Auf eigens dafür erweiterten Flächen im Erdgeschoss eines Gebäudes bietet die AWO Karlsruhe ein umfangreiches Angebot: In der ganztägig geöffneten Einrichtung gibt sie u.a. Tipps für Alltagsorganisation, informiert über Pflegedienstleistungen oder berät Menschen mit Behinderungen. Im Wohn-Café kann man Kontakte knüpfen, gemeinsam kochen und essen sowie Veranstaltungen und nachbarschaftliche Hilfen organisieren. Das Projekt wird von vielen ehrenamtlich engagierten Menschen unterstützt. Der wirtschaftliche Vorteil für die Versorgungsanbieter*innen (ambulante Pflege, hauswirtschaftliche Angebote usw.) liegt darin, dass die Wege innerhalb eines Quartiers kurz sind und die Aufgaben teilweise sogar zu Fuß erledigt werden können.
Da das Bielefelder Modell in Rintheim sehr gut funktioniert und für Versorgungssicherheit innerhalb des Quartiers bei älteren und pflegebedürftigen Menschen sorgt, stellt sich die Frage, ob dieses Modell auf weitere Quartiere in Karlsruhe übertragen werden kann. Hierzu käme z.B. das Mühlburger Feld mit mehreren Wohnblöcken im Besitz der Volkswohnung in Betracht oder auch Quartiere der Hardtwaldsiedlung oder anderer Wohnungsbaugenossenschaften.
Neben den vielen genannten Vorteilen des Bielefelder Modells stellt sich grundsätzlich jedoch die Frage, inwieweit seitens der Verwaltung auch Nachteile darin zu sehen sind, dass als Nebeneffekt dieses Modells ein Versorgungsanbieter auf Dauer zum fast alleinigen Anbieter in einem Quartier wird. Daher ist die Einschätzung von allgemeinem Interesse, inwieweit das Verhältnis von Vor- und eventuellen Nachteilen aus fachlicher Perspektive zu beurteilen ist, bevor eine Ausweitung des Modells beschlossen werden kann.
Unterzeichnet von:
Verena Anlauf, Ivo Dujmović, Benjamin Bauer,
Jorinda Fahringer, Dr. Susanne Heynen, Dr. Sonja Klingert
Die Anfrage wurde bei der Gemeinderatssitzung am 19. November beantwortet. Die Stellungnahme ermutigt uns, das Anliegen mit einem Prüfantrag weiter voranzutreiben.
