{"id":19758,"date":"2026-08-31T12:27:30","date_gmt":"2026-08-31T10:27:30","guid":{"rendered":"https:\/\/web4.karlsruhe.de\/Gemeinderat\/Gruene\/?p=19758"},"modified":"2026-08-31T12:27:31","modified_gmt":"2026-08-31T10:27:31","slug":"ambulante-psychotherapeutische-versorgung-in-karlsruhe-berichtsauftrag-und-datengrundlage","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/web4.karlsruhe.de\/Gemeinderat\/Gruene\/2026\/08\/ambulante-psychotherapeutische-versorgung-in-karlsruhe-berichtsauftrag-und-datengrundlage\/","title":{"rendered":"Ambulante psychotherapeutische Versorgung in Karlsruhe \u2013 Berichtsauftrag und Datengrundlage"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Der Gemeinderat m\u00f6ge beschlie\u00dfen:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\">\n<li>Die Stadtverwaltung wird beauftragt, dem Sozialausschuss und dem Ausschuss f\u00fcr Umwelt und Gesundheit innerhalb von sechs Monaten einen Bericht zur ambulanten psychotherapeutischen Versorgungslage in Karlsruhe vorzulegen.<\/li>\n\n\n\n<li>F\u00fcr den Bericht fragt sie bei der Kassen\u00e4rztlichen Vereinigung Baden-W\u00fcrttemberg die verf\u00fcgbaren Daten ab \u2013 insbesondere zur Anzahl und Auslastung der Kassensitze, zu Nachbesetzungen, zur Altersstruktur der niedergelassenen Psychotherapeut*innen und zur Versorgung von Kindern und Jugendlichen.<\/li>\n\n\n\n<li>Da Wartezeiten und Behandlungsanfragen bislang an keiner Stelle systematisch erfasst werden, tritt die Stadtverwaltung an die Landespsychotherapeutenkammer Baden-W\u00fcrttemberg heran mit der Bitte, unter ihren Karlsruher Mitgliedern \u2013 einschlie\u00dflich der privat Niedergelassenen \u2013 eine zeitlich begrenzte Erhebung von Behandlungsanfragen und Wartezeiten durchzuf\u00fchren, etwa als Modellerhebung \u00fcber ein Quartal. Die Ergebnisse werden den beiden Aussch\u00fcssen erg\u00e4nzend vorgelegt.<\/li>\n\n\n\n<li>Die Stadtverwaltung legt im Bericht dar, welche Auswirkungen die im GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz beschlossenen Einschnitte sowie die derzeit gerichtlich ausgesetzte Honorark\u00fcrzung auf die Versorgung in Karlsruhe zu erwarten sind \u2013 insbesondere hinsichtlich drohender Praxisaufgaben, erschwerter Nachbesetzung von Kassensitzen und einer Verlagerung in die Privatabrechnung \u2013 sowie auf die st\u00e4dtischen Hilfestrukturen, insbesondere den Krisendienst, die Jugendhilfe, den schulpsychologischen Dienst, die Eingliederungshilfe und die psychiatrische Versorgung am St\u00e4dtischen Klinikum. Der Bericht enth\u00e4lt eine Einsch\u00e4tzung der Entwicklung der kommenden f\u00fcnf Jahre hinsichtlich Bedarf, Niederlassungszahlen und Altersstruktur.<\/li>\n\n\n\n<li>Die Stadtverwaltung zeigt im Rahmen des Berichts auf, welche bestehenden psychosozialen Angebote in Karlsruhe \u2013 insbesondere f\u00fcr Kinder und Jugendliche \u2013 unter Druck stehen und welche kommunalen Handlungsoptionen bestehen, Versorgungsl\u00fccken niedrigschwellig abzufedern.<\/li>\n\n\n\n<li>Die Stadtverwaltung pr\u00fcft, wie die Versorgungslage und die Folgen der bundespolitischen Entscheidungen \u00fcber die Kommunale Gesundheitskonferenz kontinuierlich sichtbar gemacht und gegen\u00fcber Land, Bund und Kassen\u00e4rztlicher Vereinigung adressiert werden k\u00f6nnen.<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Sachverhalt \/ Begr\u00fcndung<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Psychische Gesundheit ist kein Randthema.<\/strong> Nach Daten des Robert Koch-Instituts erhielten 2024 rund 40,9 % aller gesetzlich versicherten Erwachsenen die Diagnose einer psychischen St\u00f6rung \u2013 Tendenz seit Jahren steigend [1]. Die Fehlzeiten aufgrund psychischer St\u00f6rungen erreichten bei Berufst\u00e4tigen 2024 den h\u00f6chsten Stand seit Beginn der Auswertungen im Jahr 2000 [2]. Zugleich warten Patient*innen laut Bundespsychotherapeutenkammer im Schnitt fast f\u00fcnf Monate auf einen Therapieplatz [3]; bei Kindern und Jugendlichen haben sich die Wartezeiten seit der Pandemie nahezu verdoppelt [4] und betragen derzeit rund sieben Monate [5].<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Die Rahmenbedingungen versch\u00e4rfen sich.<\/strong> Das am 10. Juli 2026 beschlossene GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz f\u00fchrt die ambulante Psychotherapie in die Budgetierung zur\u00fcck, streicht die gesetzliche Angemessenheitspr\u00fcfung der Verg\u00fctung und l\u00e4sst die Zuschl\u00e4ge zur Kurzzeittherapie entfallen. Die zum 1. April 2026 in Kraft getretene Honorark\u00fcrzung um 4,5 % ist durch das Landessozialgericht Berlin-Brandenburg mit Eilbeschluss vom 9. Juli 2026 vorl\u00e4ufig ausgesetzt; \u00fcber die Hauptsache ist noch nicht entschieden [6]. Berufsverb\u00e4nde rechnen mit einem Verlust von bis zu einem Viertel der ambulanten Behandlungskapazit\u00e4ten [7].<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Was der Bund k\u00fcrzt, zahlt die Kommune.<\/strong> Unbehandelte psychische Erkrankungen verlagern sich in Strukturen, f\u00fcr die die Stadt unmittelbar Verantwortung tr\u00e4gt: Krisendienst, Jugendhilfe, schulpsychologischer Dienst, Eingliederungshilfe, Jobcenter, Wohnungslosenhilfe. Untersuchungen zeigen, dass jeder in Psychotherapie investierte Euro einen volkswirtschaftlichen Nutzen von zwei bis vier Euro stiftet [8]. Die Karlsruher Auffangstrukturen sind nach Haushaltssperre und Sparpaket zum Doppelhaushalt 2026\/27 bereits geschw\u00e4cht \u2013 zus\u00e4tzliche Behandlungsbedarfe tr\u00e4fen auf ein System ohne Reserven.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Die Statistik t\u00e4uscht \u00fcber die Lage in Karlsruhe hinweg \u2013 und es fehlen Daten.<\/strong> Der Planungsbereich Karlsruhe-Stadt gilt mit einem Versorgungsgrad von 140,5 % formal als \u00fcberversorgt [9]. Diese Zahl beruht auf Verh\u00e4ltniszahlen aus dem Jahr 1999 und ignoriert, dass 62 % der Psychotherapeut*innen in Baden-W\u00fcrttemberg in Teilzeit arbeiten und das Durchschnittsalter bei knapp 54 Jahren liegt [9] \u2013 mehr als ein Drittel der Berufsgruppe erreicht in den kommenden Jahren das Rentenalter. F\u00fcr Karlsruhe existiert bislang keine Folgenabsch\u00e4tzung; Wartezeiten und Behandlungsanfragen werden an keiner Stelle systematisch erfasst. Der Bericht und die Modellerhebung schaffen diese Entscheidungsgrundlage erstmals.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Besonders betroffen: Kinder und Jugendliche.<\/strong> Die COPSY-L\u00e4ngsschnittstudie zeigt, dass 21 % der jungen Menschen auch 2024 von einer anhaltenden Beeintr\u00e4chtigung ihrer Lebensqualit\u00e4t berichten; 22 % leiden weiterhin unter psychischen Auff\u00e4lligkeiten [10]. Psychische Erkrankungen beginnen mehrheitlich im Kindes- und Jugendalter; fr\u00fche Behandlung ist die wirksamste Pr\u00e4vention gegen chronische Verl\u00e4ufe. Karlsruhe als junge Universit\u00e4tsstadt tr\u00e4gt hier besondere Verantwortung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Die Stadt hat ein bew\u00e4hrtes Instrument.<\/strong> Bereits 2022 hat die Stadt Karlsruhe eine Kommunale Gesundheitskonferenz zur haus\u00e4rztlichen Versorgung einberufen \u2013 mit \u00c4rzteschaft, Gesundheitsamt, Krankenkassen, Kassen\u00e4rztlicher Vereinigung, St\u00e4dtischem Klinikum, Gemeinderat und Verwaltung [11]. F\u00fcr die ambulante psychotherapeutische Versorgung bietet sich derselbe Rahmen an.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unterzeichnet von:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ki\u00ean Nguyen, Volt<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Adina Geissinger, Volt<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Fabian Gaukel, Volt<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Anne Berghoff, Die Linke<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Tanja Kaufmann, Die Linke<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Leyla Duran, Die Linke<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Verena Anlauf, Die Gr\u00fcnen<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jorinda Fahringer, Die Gr\u00fcnen<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Gemeinderat m\u00f6ge beschlie\u00dfen: Sachverhalt \/ Begr\u00fcndung Psychische Gesundheit ist kein Randthema. 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